Bharatanatyam

„This dance is the highest form of Yoga.“
„Dieser Tanz ist die höchste Form des Yoga.“

Mythili Prakash (Dharani Kalotsav 2009)
Indische Götterstatuen

Bharatanatyam ist ein Tempeltanz aus dem südindischen Staat Tamil Nadu. Seine Wurzeln reichen zweitausend Jahre in die indische Kultur zurück. Es ist ein dynamischer und kraftvoller Tanz, der sich auszeichnet durch klare Linien und Endpunkte der Tanzfiguren, rythmische Fußarbeit sowie durch Sprünge, Kicks und Drehungen. Er wird von Männern und Frauen getanzt. Der Begriff „Natyam“ ist ein Synonym für Tanz, Drama und Musik, der Begriff „Bharata“ ein Synonym für Indien. Daher bedeutet Bharatanatyam der Tanz Indiens. Einst wurde Bharatanatyam hauptsächlich von den Devadasis in den Tempeln getanzt, die auf diese Weise die Götter verehrten und den Menschen die alten Göttergeschichten erzählten. Die Devadasis waren hochangesehene Tempeltänzerinnen, im Sanskrit und in verschiedenen Sprachen versiert, was ihnen dabei half, die Kompositionen zu interpretieren, zu denen sie tanzten.

Bereits im Natya Shastra, einer alten Schrift über die darstellenden Künste, die als fünftes Buch der Veden betrachtet wird und eine Essenz der ersten vier ist, gibt es exakte Vorgaben zum Tanz, zu Kostüm, Schmuck, Haartracht und Make-up. Damit bedarf die Ausbildung zum/zur klassischen indischen Tänzer/in ein konzentriertes Studium und kontinuierliches Training sowohl des Gurus, des Lehrers, als auch des/r Schülers/in. Bharata Muni, der Verfasser des Natya Shastra, ist somit in der Kunst des Tanzes, des Schauspiels und der Musik der erste Guru. Der Tanz wird als reinster und schönster Ausdruck des menschlichen Geistes angesehen. Damit sind Kunst und Spiritualität in Indien nicht voneinander zu trennen. Noch heute betrachten klassische Tänzer den Tanz als höchste Form der Verehrung.

Shiva, in der Darstellung als Nataraja, wird als Gott des Tanzes verehrt und findet sich in jeder indischen Tanzschule. Er ist das höchste Symbol kosmischer Energie und steht für Schöpfung und Zerstörung. Die Heimat des Nataraja ist im Chidambaram Tempel in Tamil Nadu, wo er im innersten Heiligtum steht.
Die Tradition der Devadasis endete, als die Kunstform Einzug in die königlichen Höfe hielt. Sie verloren ihre gesellschaftliche Stellung mit dem Vormarsch des feudalen Systems. Allerdings waren auch diese Künstlerinnen hochgeschätzt und wurden von den Maharajas gefördert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Tanztradition durch das Tanjore Quartett, bestehend aus vier talentierten Brüdern, erstmalig eine Systematisierung. Unter britischer Herrschaft geriet der einst geachteten Tanz im Zusammenhang mit Tempelprostitution in Verruf und wurde verboten.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts machten sich insbesondere machte sich die Künstlerin Rukmini Devi Arundale und der Rechtsanwalt Shri E. R. Krishna Iyer um die Bewahrung und Wiederbelebung des Tanzstiles verdient und Bharatanatyam erlebte eine Renaissance als Bühnenkunst im Zuge der Freiheitsbewegung Indiens. Rukmini Devi, durch die legendäre russische Ballerina Anna Pavlova ermutigt, indischen Tanz zu erlernen, ist zudem die Gründung der weltberühmten Kalakshetra Foundation in Chennai zu verdanken, der Ausbildungsinstitution für Bharatanatyam in Indien, die heute von der charismatischen Tänzerin Pryadarshini Govind geleitet wird.

Baby Krishna
Nataraja

Aus der Künstlerschmiede gingen und gehen faszinierende Tänzer und Tänzerinnen hervor, unter anderem, um nur ein Beispiel zu geben, das weltbekannte Tanzehepaar Dhananjayan, die mit dem Padma-Bushan-Preis ausgezeichnet sind, dem dritthöchsten indischen Zivilorden.

Unterschieden werden vor allem drei Bharatanatyam-Stile: Pandallanur, Vazhavur und Tanjavur. Und es gibt drei Typen von Choreographien: Nritta ist reiner Tanz, Nrittya ist Ausdruck kombiniert mit Tanzschritten und Natya ist reiner Ausdruck, reines Tanztheater. Ein vollständiges Repertoire, genannt Margam, was mit „der Weg“ übersetzt werden kann, besteht aus einem Eröffnungsstück für den Elefantengott Ganesha, der die Hindernisse aus dem Weg räumt, gefolgt von Alarippu, in dem die Tänzerin oder der Tänzer einer sich entfaltenden Blume gleich die Grundtechniken in den drei Geschwindigkeiten vorstellt. Als drittes kommt das Jatiswaram, ein Pure-Dance-Stück. Im Anschluss wird das Shabdam getanzt, das erste Stück im Repertoire bestehend aus Tanz und Abhinaya, dem Ausdruck, mit dem eine Geschichte aus der indischen Mythologie erzählt wird. Der Höhepunkt ist das Varnam, das zwischen 20 und 30 Minuten lang ist. Danach folgen das Keerthanam sowie das Padam, ein reines Abhinaya-Stück. Gekrönt ist das Repertoire von dem Thillana, einem dynamischen Pure-Dance-Item. Getanzt wird zu Kompositionen des karnatischen Muskiksystems, das auf Ragas, verschiedenen Melodiemodi und Talas, den Rythmusmustern, basiert.

Ein Vers, der Natyakrama Slokha aus dem Abhinaya Darpana, eine zentrale Abhandlung über den indischen Tanz, die auf das 4. Jahrhundert datiert wird, lautet: „Yatho Hastha Thado Drishti. Yatho Drishti Thado Manaha. Yatho Manaha Thado Bhava. Yatho Bhava Thado Rasaha. “ Diese Regel besagt: Wo die Hand hingeht, sollen die Augen folgen. Wo die Augen hingehen, dorthin folgt der Geist. Wo der Geist ist, ist der Ausdruck (Bhava). Wo Ausdruck ist, wird der Geschmack (Rasa) entstehen. Rasa ist das Gefühl, dass beim Publikum durch den Ausdruck des Tänzers/der Tänzerin entsteht, indem sich der Künstler in den Charakter, der dargestellt wird, einfühlt, sozusagen zu dem Charakter wird. Es erzeugt beim Zuschauer Freude oder Glückseligkeit und kann sogar Erleuchtung hervorrufen.